Ich kann mich noch gut erinnern, als 1983 die ersten Horrormeldungen über eine tödliche Geschlechtskrankheit durch die Presse gingen. In New York und in Teilen Ostamerikas war eine Krankheit ausgebrochen, der hauptsächlich Schwule zum Opfer fielen. Auch in der Kölner Schwulenszene führte diese Nachrichten zu absolutem Entsetzen. Jeder hatte Angst sich angesteckt zu haben.
Die Pressemeldungen rissen nicht ab. Es hieß, die Erkrankung sei eine Strafe Gottes den Schwulen gegenüber. Auch Ärzte meldeten sich zu Wort. Einer von ihnen, Dr. Mutter, empfahl den Infizierten als Erkennungsmerkmal einen Buchstaben auf die Stirn zu tätowieren. Der bayerische Politiker Gauweiler lies ebenso eine harte Gangart den Schwulen gegenüber erkennen. Die Krankheit wurde in den Medien derart dramatisiert, dass man sich selbst schon als Aussätziger fühlte. Von 1972 bis 1984 hatte die Sauna Vulcano sich für die Freiheit der Schwulen eingesetzt. Nach den Pressemeldungen entstand das Gefühl, alles bisher Erreichte, alle Arbeit sei zu nichte. Es machte den Eindruck, als wollten die Menschen am liebsten eine Bombe auf unsere Sauna fallen lassen. Ich hatte das Gefühl, als würden mich viele skeptische Blicke treffen, wenn ich die Sauna betrat oder verlies.
Kurz darauf bekam die Krankheit dann einen Namen: AIDS. Sie war einfach in aller Munde und Tag für Tag ein großes Thema. Viele Theorien über ihre Herkunft und Entstehung wurden laut. Eine besagte, es könne sich um biologische Kampfstoffe handeln, welche aus einem Labor in Amerika entwichen waren. Es wurde sehr viel herum gerätselt.
Leider fiel damals auch einer unserer Mitarbeiter, welchen ich besonders mochte, der Krankheit zum Opfer. Doch nicht allein er starb daran, sondern wie ich später erfuhr, auch seine Frau und sein Kind. Es haben sich viele dramatische Schicksale ereignet. Damals war der Krankheit fast nichts entgegen zu setzen. Ich kenne viele, die ihren Freund auf grausame Weise verloren haben, die sich aufgeopfert haben und ganz verzweifelt bis zum letzten Atemzug am Krankenbett gesessen haben.
In den 30 Jahren, die ich nun in der Sauna bin, habe ich auch nicht einen einzigen Fall von Ausgrenzung, Abkehr oder - im Stich lassen - erlebt. Im Gegenteil - man war eher schicksalhaft miteinander verbunden. Wer konnte sich Vorwürfe machen? - keiner! - man wusste ja von nichts. Aber man hielt zusammen, jeder wie er konnte.
Die Schwulensaunen und -bars in New York wurden aus Angst vor der Krankheit geschlossen, was sich später als fataler Fehler erweisen sollte. Die Menschen wurden in alle Winde zerstreut, was eine gezielte Aufklärung unmöglich machte. Das hat hunderten Menschen das Leben gekostet.
Auch wir bangten um unsere Existenz. Ich war damals nur ein kleiner Teil des Ganzen. Ich war der Masseur in der Sauna Vulcano. Wir fragten uns natürlich, würden die Schwulensaunen und Schwulen-Gaststädten bei uns auch schließen müssen?
Doch dann gewann die Wissenschaft die Erkenntnis, dass sich die Krankheit auch bei heterosexuellen Paaren übertrug. Sie übertrug sich durch sehr engen körperlichen Kontakt (Geschlechstverkehr). Doch es war keine reine Schwulenkrankheit, keine Geissel Gottes. Der Grund warum die Schwulen am häufigsten betroffen waren, war die hohe Anzahl ihrer Partner im Jahr.
In San Fransisco gab es Modelle, die Schwulensaunen, -gaststätten, und -bars nicht zu schließen, sondern gezielte Aufklärungsarbeit über die Übertragungswege der Krankheit zu leisten. Es wurden ausreichend Kondome zur Verfügung gestellt, damit sich jeder vor einer Ansteckung schützen konnte. Die damalige Gesundheitsministerin Rita Süssmuth und das Gesundheitsamt in Köln mit Herrn Engel und Herrn Dr. Ehrle an der Spitze, riefen bei uns die ersten Präventionsmaßnahmen ins Leben. Streetworker der Aidshilfe besuchten auch unsere Sauna, um umfassende Aufklärungsarbeit für unsere Gäste zu leisten. In mehreren Räumen wurden Warnhinweise aufgehängt und jeder Gast konnte, wenn er wollte, ein Kondom bekommen. Viele tausende Kondome wurden anfänglich vom Kölner Gersundheitsamt gestiftet und große Kampagnen wurden ins Leben gerufen. Regelmäßige Sitzungen mit Konzeptvorschlägen fanden im Gesundheitsamt statt. Man war der Überzeugung, dass nur reine Aufklärungsarbeit, dass erste Mittel der Wahl war -- und natürlich die Kondome. Das Schließen der Schwulensaunen und -kneipen hätte alle Leute weiträumig versprengt und verängstigt und die Möglichkeit einer Aufklärungskampagne komplett verhindert.
Heute können wir mit Fug und Recht behaupten, dass tausende Menschen ihr Leben der Aufklärungskampagne des Gesundheitsamtes, der Aidshilfe und der Mitarbeit der Schwulensaunen und -kneipen ihr Leben verdanken.
Die Wissenschaft ist mittlerweile voran geschritten und wirkungsvolle Medikamente sind nun verfügbar. Die Medikamente können aber nicht heilen, sie können jedoch das Virus lange Zeit in Schach halten oder sehr stark reduzieren. Heute brauchst du nicht verzweifeln, mit den neuen Therapien hast du super Chancen alt zu werden. Aber die Nebenwirkungen der Medikamente sind bitter! Also, pass besser auf! Uns Älteren, welche die Anfänge von AIDS mitgemacht haben, steckt der Schreck immer noch tief in der Erinnerung. Für uns ist es sonnenklar, dass man sich schützen muss.
Ich appelliere eindringlich an die Jüngeren, die Krankheit ist noch nicht besiegt! Außerdem gibt es ja auch noch andere Krankheiten, die sich auf sexuellem Wege übertragen. Seid bitte nicht leichtsinnig!
Und bis heute wird Aufklärungsarbeit betrieben! In unserer Sauna stehen 2 große Röhren mit Kondomen zur Verfügung, an denen sich jeder frei bedienen kann. Ebenso sind unsere Kabinen mit dem üblichen Equipment ausgestattet.
In der Sauna Vulcano braucht sich niemand anzustecken, wenn er ein bisschen Grips in der Birne hat und einfache Spielregeln beachtet.